Grausig

Alle reden vom Internet 4.0, von KI, was die wenig charmante Abkürzung für „künstlicher Intelligenz“ ist oder von BOTs und Algorithmen.

Und wie immer reden alle davon, als wüssten sie, worum es geht. Wer aber wissen will, es sich anfühlt in einer Welt zu leben, in der alles – aber auch wirklich alles – von den Computern, Robotern und deren Software bestimmt wird, der lese dieses Buch. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte des Fortschritts ist es gerade die Kunst und Literatur, die uns vielmehr zeigen kann, wohin die Reise geht, wenn blinder Fortschrittsglaube die Menschheit lenkt.

Das Schöne an diesem Buch ist, dass es auf sehr unterhaltsame Weise die unbarmherzige Knechtschaft der Algorithmen aufzeigt. Die Schilderungen bewegen sich dabei so genau auf jenem schmalen Grad, dass der Leser im Ungewissen bleibt, ob es sich um science-fiction handelt oder nicht doch eingentlich längst Gegenwart ist.

Das so eine Story, um sich nicht in einer Aneinanderreihung von apokylptischen oder man sagt heute: dystopischen Ereignissen zu erschöpfen, hat der Autor erlaubt, dass es dann doch noch Liebe, Hoffnung, Romantik und Groteskes gibt.

So sind die 300 Seuiten wunderbar zu lesen, um sich zu schütteln und dann unser Leben zu genießen, das (noch) nicht so geworden ist.

Wer es eine Gangart härter braucht, dem sei dieses Buch empfohlen.

Verblüffend, wie ähnlich sich die beiden Autoren manche Alltagssituation vorstellen und treffend, dass beide die Handlung so führen, dass zumindest der Versuch eines Ausweges aufgezeigt wird.

Lesenswert in jedem Falle, gerade jetzt, wo an grauen Herbsttagen die Bücher uns sagen können: „es könnte alles noch viel schlimmer sein!“

Und zu letzt noch eine literarische Kostbarkeit.

Geradezu visonär ist dieser Autor der Anfang des 20.Jahrhunderts dieses kleine Büchlein verfasst hat. Aber hier ist Schluss mit lustig. In der Kürze liegt der blanke Horror, dagegen ist 1984 wie Bäckerblume gegenüber der CICERO.

Pflichtlektüre.

Schöne Herbstabende!

Meisterhaft

Dass das WDR Sinfonieorchester Beethovens 1.Klavierkonzert und Dvoraks Sinfonie aus der Welt mit Bravour spielen kann, darf man erwarten. Wie subtil allerdings das Orchester die Klangfarben, allem voran den „ Sound“ der Holzbläser den kompositorischen Unterschieden der Klangästhetik eines Beethoven oder Dvorak anpassen kann, das ist bemerkenswert.

Unter der Leitung des österreichischen Dirigenten Manfred Honeck folgt das Orchester der Interpretation professionell, geschlossen und mit Emphase. Honeck nimmt die Tempi flott, vermeidet das zäh-fließende und liebt das pianissimo der Streicher an ausgewählten Passagen. So startet er auch in den ersten Satz des Klavierkonzertes hauchzart und kontrastiert gekonnt mit dem darauffolgenden tutti in der Wiederholung ohne dabei an Tempo zu verlieren oder wuchtig zu poltern. Auch sein zweiter Satz bietet diese aus dem Nichts hereinschwebenden Streicherpassagen, was eindrucksvoll gelingt.

Der Klang der Holzbläser weist über alle drei Sätze jene Beethoven‘sche leichte Sprödigkeit auf, die erst später in der Romantik auch durch die Vergrößerung des Orchesters einen anderen Schmelz bekommen sollte.

Dem Pianist des Abends Paul Lewis liegt dieser schlanke Stil. Sein Spiel ist perlend wie Sekt, erinnert an Mozart, leicht, durchsichtig, ohne überzogene Kraft und artistisch brilliant.

Die Konzeption von Dirigent und Pianist passt wunderbar zusammen und mit einem hochprofessionellen Orchester, dass stiltreu und entschlossen folgt, gelingt ein erfrischender Beethoven-Klassiker.

Nach der Pause in der nahezu ausverkauften Kölner Philharmonie steht Dvoraks wohl populärste 9. Sinfonie auf dem Programm. Diese Popularität ist auch die Gefahr, denn jeder kennt die Sinfonie und manch Interpret meint, deshalb sei es angebracht, mal eine andere ausgefallene Variante bieten zu müssen. Honeck schert sich um diese modischen Anwandlungen nicht. Er lässt das Orchester „singen“. Die Streicher können so das volle Spektrum von hauchzarten schwebenden Klängen bis zum Fortissimo-Feuerwerk auskosten, den Holzbläsern entströmt ein romantischer Schmelz und Dank eines strahlenden Blechs gelingen die wunderbaren Stimmungswechsel von böhmischer Tanzweise bis zu amerikanischer Marschmusik ganz mühelos. Auch sind die Tempi flott, ohne gehetzt zu sein, sehr ausgewogen, mit schönen Rubati. Am Schluss schwingt ssich alles zu einem Hymnus auf, der dann ganz wunderbar im Schlußakkord in einer fast schüchternen Zurückhaltung verklingt. So wirkt die Sinfonie sehr geschlossen als das was es ist, ein Meisterwerk.

Das Publikum kundig und klug genießt und feiert den Abend mit Standing Ovations, selten dass auch die Musiker der Solo-Passagen so euphorisch gefeiert wurden. Zu recht.
Noch 30 tage nachzuhören hier:

http://konzertplayer.wdr3.de/klassische-musik/konzert/wdr-3-konzert-13102017/

Das Netz sagt Dir, was Du willst

Wer im Netz einkauft, surft oder streamt, der muss sich über mangelnde Empfehlungen oder Vorschläge nicht beschweren. Heute muss sich niemand mehr die Mühe machen, zu überlegen, was ihn überhaupt interessiert (und warum), die Internetdienste – oder vielen denken, es seien die APPs – erledigen die Aufgabe. Dahinter steckt die Botschaft: Hör auf nachzudenken, kaufe einfach, was wir Dir empfehlen, denn wir wissen, was gut für Dich ist.

Algorithmen nennen wir diese „Zauberdienste“, sie analysieren unser Tun im Netz und schlußfolgern daraus, was wir als Nächstes konsumieren sollen.

Manchmal ist das ganz augenscheinlich sehr unvollkommen, zum Beispiel macht es ja wenig Sinn, wenn man einen Regenschirm kauft und unmittelbar danach Werbung für Regenschirme erhält. Oder weiß der Algorithmus, dass wir den bereits gekauften Regenschirm alsbald irgendwo im ICE liegen lassen werden?

El Pariser nannte das Phänomen „The Filter Bubble“: wir bewegen uns und denken zunehmend nur in einem engen Kreis der Dinge, die wir schon kennen. Unverhofftes, Unbekanntes wird ausgefiltert, getreu dem Sprichwort: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht!“ wird es uns nicht angeboten, die numerische Chance, dass wir Unbekanntes ablehnen ist zu hoch, um als akzeptabel für eine Marketingstrategie zu gelten.

Und anstatt sich dieser mißlichen Lage, die der Verdummung und Entmündigung des Einzelnen Vorschub leistet, zu entfliehen, befeuern wir sie mit der täglichen freiwilligen und naiven Preisgabe noch so privater Informationen. Wir füttern die Algorithmen damit diese uns das Denken abgewöhnen. Das ist kein Kreislauf, das ist eine Sackgasse.

Und wenn Forscher untersuchen wollen, wie dieser Mechanismus funktioniert, wenn sie der „Zauberkraft“ des Algorithmus den Schleier der künstlichen Intelligenz, die nichts als eine große Täuschung ist, herunter reißen wollen…dann kommen die Anwälte. So geschehen, als schwedische Wissenschaftler den Streaming-Dienst Spotify untersuchten.

„Die Wissenschaftler hatten mit hunderten Bot-Accounts probiert, den Algorithmus zu untersuchen. Eines der Experimente war zum Beispiel, ob der Algorithmus Männern und Frauen unterschiedliche Vorschläge ausgibt, selbst wenn sie die gleiche Musik hören. Auch testeten sie, ob sich der Dienst manipulieren lässt. Die Forscher griffen zu diesen Methoden, da der Streamingdienst – wie andere Plattformen in Sachen Algorithmen auch – eine Blackbox ist.“

Siehe auch hier:

https://netzpolitik.org/2017/spotify-schuechtert-kritische-wissenschaftler-ein/

Jeder kann sich sicherlich daran erinnern, in einem Restaurant mal ein Gericht von der Speisekarte bestellt zu haben, dass er nicht kannte. Und an das Gefühl, welche angenehme Überraschung es auslöst, wenn man etwas bekommt, das so köstlich ist, dass man es nie mehr vergisst. Das Unkalkulierbare, das Unbekannte, das Unverhoffte – das ist es, was den Menschen beflügeln kann. Die große Liebe seines Lebens findet der Mensch in der Regel unverhofft, ungeplant, nicht vorhersehbar. Und das genau kann einen „umhauen“, das Leben verändern, einen neuen Sinn geben … – Welch eine Armseligkeit, die Möglichkeit von Überraschungen durch mathematische Systeme ersetzen zu lassen.

100 Jahre Theater Nordhausen

Im Heft 2 der Bühnentechnischen Rundschau des Jahres 1917 kann man folgendes lesen:

Es war die letzte Ausgabe der Bühnentechnischen Rundschau im 1. Weltkrieg, sie sollte erst 1919 wieder erscheinen. Bekanntlich halten sich ja Mythen besonders lang, vielleicht auch deshalb, weil sie einer Wahrheitsüberprüfung nicht unterzogen werden. So galt das Theater Nordhausen oftmals als das Einzige, welches im 1. Weltkrieg gebaut und eröffnet wurde. Das ist schön, aber leider nicht wahr. Die bürgerliche Emanzipation in Deutschland fand ihren wohl besten Ausdruck in mehreren Städten im Bau und Betrieb städtischer Theater. Diese Entschlossenheit, mit dem Theater ein öffentliches Forum für eine kulturelle Auseinandersetzung über den Zustand der Gesellschaft zu schaffen, zeugte von einem beeindruckenden Selbstbewußtsein und formte die künftige Politik und Gesellschaft mit Nachwirkungen bis heute.

Als ich im Dezember 1989 Intendant dieses Hauses wurde, konnte ich mich auf ein Ensemble stützen, dessen Entschlossenheit, dieses Theater zu verteidigen beispiellos war. Es gab auch niemand, den wir hätten fragen können. Die Stadt hatte keinen Bürgermeister, es gab keinen Landrat und vom Land Thüringen mit einem Minister oder Ministierpräsidenten war da noch gar keine Rede. Also handelten wir selbst und nahmen das Geschick des Theaters in die eigenen Hände, um unsere Verpflichtung gegenüber der Kunst und dem Publikum zu erfüllen. Schon bald danach erreichten die zahlreichen Berater, Politikexperten, Aufbauhelfer auch die Stadt Nordhausen. Ihre Ratschläge waren erstaunlich, sie kündeten von der bevorstehenden Schließung des Theaters wegen gravierender technischer Sicherheitsmängel und der prinzipiellen Unmöglichkeit, dass sich eine Stadt mit 50.000 Einwohnern solches Theater überhaupt leisten könne. Ich war erstaunt, über welche prophetischen Gaben diese Menschen verfügten, aber ich hatte schlicht keine Zeit, ihnen zu viel Aufmerksamkeit zu schenken, denn für ganz akute Probleme, z.B. woher man das Geld nimmt, pünktlich am Gehaltstag rund 265 Mitarbeitern ihren Lohn auszuzahlen, fühlte sich niemand verantwortlich.

In dieser Zeit des vollständigen Umbruchs, galt es mit Mut und Entschlossenheit zu handeln, schließlich hatten wir ja selbst dazu beigetragen, die Bevormundung abzuschaffen. Wir besorgten ein paar Millionen D-Mark und sanierten die schlimmsten technischen Debakel auf und hinter der Bühne, wir starteten die erste Fusion im Osten, fädelten die Städtepartnerschaft mit Bochum ein und nach und nach entstand um uns herum eine neue poltische Landschaft. Getragen wurden wir aber durch das Publikum, das „alte“ uns vertraute und das Neue, welches aus dem Westharz so zahlreich zu uns strömte. Das alles fand in einem Zustand hoch emotionaler Auseinandersetzungen quasi in einem Zeitvakuum zwischen Vergangenheit und Zukunft statt, das in meinem Leben unvergessen bleibt und immer mit diesem Haus verbunden sein wird.

Zu den Wünschen, die wir heute hier hören konnten, habe ich nur zwei hinzuzufügen:

Tradition ist nicht die Anbetung der Asche sondern die Bewahrung des Feuers, will sagen, versetzen Sie das Haus in einen Zustand, der dem Stand der Technik des 21. Jahrhunderts entspricht, geben sie auch den Mitarbeitern würdige, anständige und sichere Arbeitsplätze. Mein zweiter Wunsch geht aber darüber hinaus: Geben Sie dem Theater seine Schauspielsparte zurück. Die Schließung des Schauspiels war unsinnig, hat am Ende keine nennenswerten Einsparungen gebracht, aber das Selbstverständnis eines Mehrspartentheaters beeinträchtigt. Korrigieren Sie dies, wann wenn nicht jetzt.

Seien Sie mutig.

Gerade in einer Zeit, in der wir durch eine digitale Revolution so umfassende Änderungen unseres Lebens erfahren, ist die Behauptung des urbanen öffentlichen Raumes mit dem garantierten Schutz des Staates (Artikel 5) für die Freiheit des Kunst, den Schutz der Privatsphäre und mit einer Firewall, die vor der totalen Kommerzialisierung schützt, nahezu jeden finanziellen Aufwand wert.

Und all denen, die immer noch der Meinung sind, dass Theater viel Geld kostet, möchte ich am Ende meines Grußwortes eine durch das statistische Bundesamt ermittelte Zahl nennen. 26. Soviele Millionen Euro kostet in Deutschland im Durchschnitt der Bau eines einzigen Kilometers Autobahn, von der ersten Planfeststellung bis zum ersten Stau. D.h. ein ganze Jahr Kultur in der Stadt Nordhausen braucht weniger Geld als der Bau eines Kilometers Autobahn….

In diesem Sinne: toi, toi, toi.!

Theater sind Erfahrungsräume der Demokratie

Eine Gruppe von mehr als achtzig unterzeichnenden Intendantinnen und Intendanten verschiedenster deutschsprachiger Theater bekennt sich vor der Bundestagswahl über eine Anzeige in DIE ZEIT zu einem offen politischen Diskurs und betont damit den gesellschaftlichen Stellenwert aller Theater und Orchester der Bundesrepublik. Es handelt sich um eine persönliche Initiative aller Unterzeichnenden, um inmitten anhaltender Debatten mit Vertretern rechtsorientierter und anti- demokratischer Positionen ein klares Zeichen zu setzen.