Virtuelle Kommunikation

Es gehört zu den Erscheinungen des Zeitgeistes, dass wir Modebegriffen huldigen, ohne uns dabei tiefere Gedanken zu machen. Nach dem Motto: Wenn alle von künstlicher Intelligenz, virtueller und erweiterter Realität reden, wird schon was dran sein und ich mache mit.

Dabei ist die Frage nach der Wirklichkeit so alt wie die Menschheit. Was ist die Welt und was ist der Mensch, wie nimmt er die Welt wahr und ist seine Wahrnehmung realistisch? Und was ist mit seinem Bewusstsein, seiner Seele, seiner Selbstwahrnehmung?

Diese Fragen haben die Menschen schon immer beschäftigt auch ganz ohne Computer. Es lohnt sich, einen Blick in die Schriften der antiken Philosophen zu werfen, die entstanden sind zu einer Zeit als Theologie und Religion als Staatstragende Ideologien noch nicht im Umlauf waren.

In Alexandrias großer Bibliothek im 3. Jahrhundert v.u.Z. sollen zwischen 400.000 und 700.00 Schriften das gesamte Wissen der damaligen Welt beschrieben haben. Leider ist davon nichts erhalten geblieben.

Aber wir wissen von einigen Philosophen und ihren Antworten auf die Fragen nach der Welt und der Wahrnehmung des Menschen.

Während Seneca als Stoiker die Welt als vollkommen eingerichtet sah, die man sich eben nur bemühen müsse, vollständig zu erfassen, meinte Lukrez, dass die Welt in einem vollkommenen Zustand gar nicht existiere, sondern im Werden und Vergehen einer permanenten Entwicklung unterworfen wäre. Die Epikureer vertraten eine frühe Form der Evolutionstheorie, wobei sie im (technischen) Fortschritt auch immer die Gefahr der Zerstörung sahen. In der Blüte des römischen Reiches, noch bevor das Christentum sich zu einer staatstragenden Religion mit seiner neuen Institution der Kirche alles Denken einverleibte und zu seinem Gebrauch veränderte, galt die Philosophie so ganz unideologisch einer gebildeten Schicht als Kommunikationsraum.

Die Götter, egal wie viele es waren, spielten gegenüber dem Menschen nicht dieselbe Rolle wie in den späteren monotheistischen Religionen.

Der aus Italien stammende Philosoph Plotin (205-270), der zu den wichtigsten neben Platon und Aristoteles zählt, verteidigte die platonische Philosophie als einer der Letzten gegen die aufkommenden Gnostiker.

Für ihn war die Wahrnehmung der Welt durch den Menschen die zentrale Frage. Ob die Welt nun vollkommen oder in ständiger Veränderung, es kommt seiner Meinung nach auf die Seele des Menschen an. Darunter versteht er, was wir heute Bewusstsein, Psyche oder Wahrnehmung nennen. Die Seele des Menschen ist ganz virtuell, der Ausdruck aber dessen, was wir denken, ganz materialistisch.

Aber der Körper des Menschen ist nur ein materialistischer Ballast, deshalb ist es die Aufgabe des Menschen, sich anzustrengen und das wahre Wesen der Dinge und Ideen zu erkennen.

Mark Aurel (121-180) schrieb:

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Glücklich sein, heißt einen guten Charakter zu haben. Gibt es doch nirgends eine stillere und ungestörtere Zufluchtsstätte als die Meschenselle. Wie die Gedanken sind, die du am häufigsten denkst, ganz so ist auch deine Gesinnung

Für Plotin strebten Menschen, denen es (intellektuell) nicht möglich war, im Umgang mit ihrer Seele zu höheren Erkenntnissen zu gelangen, nur nach materiellen Gütern. Wer die Idee der Schönheit nicht schauen kann, der muss sich eben mit schönen Dingen umgeben. Er tut dies, weil er zumindest eine Ahnung von Schönheit gewinnen will, aber zu mehr offensichtlich nicht in der Lage ist.

Das an dieser Aufgabe die meisten Menschen damals und heute scheitern konnte Seneca nicht entmutigen:


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Wo es sich um Fragen der Menschheit handelt, sind wir nicht in der glücklichen Lage sagen zu können, dass der Mehrzahl das Bessere gefalle. Der Standpunkt der großen Masse lässt gerade den Schluss auf das Schlimmste zu. Wir müssen also fragen, was zu tun das Beste, nicht was das Gebräuchliche ist und was uns in den Besitz ununterbrochenen Glücks sichert und nicht was dem großen Haufen gemein ist.


Und damit sind wir wieder beim Zeitgeist und der Frage, ob künstliche Intelligenz etwas zu Visualisieren vermag, was viele in ihrer Kommunikation zwischen der Welt und der eigenen Seele nur selten vollbringen?