Aus technischen Gründen
Posted 06-10-2019, 08:51 PM by Hubert Eckart
Vorstellungen werden gerne „aus technischen Gründen“ abgesagt. „Aha“, denkt der Laie, „da hat‘s mal wieder mit der Technik nicht geklappt. Deutsche Ingenieurskunst, eben.“ Bei der Gastspielreise der Berliner Schaubühne in China mit Molieres MENSCHENFEIND, bei der am Ende einer Vorstellung das Publikum zur Diskussion aufgefordert wird, seine Meinung über das Thema Verlogenheit zu sagen, sind nach zwei Vorstellungen plötzlich aus technischen Gründen keine weiteren Aufführungen möglich. Oder in Madrid. Dort sollte ein chinesisches Ensemble, welches in New York beheimatet ist und von Anhängern der Falun Gong Buddhist Cultivation School im Exil gegründet wurde, ein Gastspiel geben. Leider wurden die Vorstellungen aus technischen Gründen abgesagt. Man hätte gern mehr über diese technischen Gründe erfahren oder sollte es viel mehr einen anderen Zusammenhang geben? Der chinesische Botschafter in Spanien gehört zum Diplomatischen Kreis des Royal Opera House, einer Gruppe von Diplomaten, die laut Theater-Website den internationalen Ruhm des Theaters (mit Spenden) fördern. Dass der chinesischen Regierung die Falun Gon Bewegung nicht genehm ist, legt da einen anderen Schluss nahe. Wie wird es künftig an der Mailänder Scala aussehen? Dort wurde der saudische Kulturminister, Prinz Bards bin Abdullah, gegen eine Spende, bei der fünf Jahre lang je drei Millionen Euro in die Kasse des Opernhauses fließen sollen, in den Aufsichtsrat aufgenommen. Werden es womöglich auch hier technische Gründe sein, wenn bspw. Verdis NABUCCO, 1842 an diesem Hause uraufgeführt, nicht mehr gespielt werden kann? Geht es in der Oper doch um die Freiheit des jüdischen Volkes aus der babylonischen Gefangenschaft…

{Update 18.3.2019} Im letzten Moment haben nach Protesten verschiedener Organisationen regionale Politiker den Deal gestoppt und die erste Tranche von rund drei Millionen Euro wird zurück überwiesen!

So wohlfeil es erscheinen mag, aus technischen Gründen Vorstellungen abzusagen, so sehr ist es eine Beleidigung aller BühnentechnikerInnen. In Deutschland werden jedes Jahr mehr als 65000 Theatervorstellungen gespielt, nicht mal 1 Promille davon, dürfte aus technischen Gründen abgebrochen oder abgesagt werden – offizielle Statistiken gibt es nicht. Dabei hätten Techniker viel öfter Grund dazu, eine Vorstellung scheitern zu lassen. Gastpielreisen, überlange Arbeitszeiten im Repertoire- und Endprobenbetrieb, schlecht funktionierende, weil zu alte Technik und besondere künstlerische Wünsche gäben manchen Anlass dazu. Aber TechnikerInnen haben ein Ethos: Die Vorstellunge findet statt! Als im Zuge der digitalen Dividende I und II zahlreiche Frequenzen für den Betrieb drahtloser Mikrofone gestrichen wurden, prognostizierten Experten Störungen und Abbrüche von Veranstaltungen. Dazu ist es nur in Ausnahmefällen gekommen. „Seht!“, sagte die Politik, “ist doch gar nicht so schlimm!“ Dem ist zu entgegnen: doch es ist schlimm! Zu den Ausfällen und Störungen ist nur deshalb nicht gekommen, weil flächendeckend TechnkerInnen rechtzeitig und vorsorglich nach Alternativen gesucht haben. So verkehrt sich die Arbeitsmoral in ihr Gegenteil. Gelegentlich kommt es an Theatern auch zu Streiks und damit zu Ausfällen. Dass es die TechnikerInnen oder Orchestermitglieder sind, die einen Streik ausrufen, liegt nicht daran, dass diese besonders streikfreudig wären, sondern, dass oftmals nur diese in Gewerkschaften und Tarifverträgen orgaisiert sind, die überhaupt streiken dürfen. Künstlerisch Beschäftigte mit Soloverträgen haben eine solche Möglichkeit gar nicht. Theaterstreiks sind nicht beliebt, weil sie ein Publikum für Versäumnisse der Politik büßen lassen, um das man sonst generell sehr bemüht ist. Und da irrigerweise die öffentlichen Ausgaben für Kultur immer noch zu den freiwilligen Ausgaben gezählt werden, grassiert unter den Beschäftigten ohnehin die permamente Angst vor der Schließung oder der Stellenkürzungen. Viel zu oft werden deshalb Mißstände hingenommen. Ein Blick auf den DTHG-Stellenmarkt zeigt das Ergebniss einer langjährigen Fehlentwicklung: mehr als 200 offene Stellen im technischen Bereich. Neben dem allegmeinen Fachkräftemangel hat die Theaterszene wenig an Anziehungskraft für junge Menschen erhalten können. Zu wenig Wertschätzung, zu schlechte Arbeitsbedingungen, kaum Weiterbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen und eine miese Bezahlung locken junge Menschen nicht. Zumal andere Wirtschaftsbranchen hier längst einen Kurswechsel vollzogen haben. Personalentwicklungspläne, wie sie jetzt zögerlich an einigen Häusern doskutiert werden, kommen 15 Jahre zu spät und ob diese mit dem nötigen Mut zur Veränderung umgesetzt werden, ist noch nicht gewiß. Vielleicht ist es in naher Zukunft wahrscheinlicher aus personellen Gründen eine Vorstellung absagen zu müssen, als aus technischen?
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