Die Tücken des Nebels
Posted 06-11-2019, 07:07 PM by Hubert Eckart
Die Sache mit dem Bühnennebel hat so ihre Tücken. Man sieht eben nicht so genau, was wirklich passiert und gerade das ist ja die Absicht. Wer nicht klar sieht, der muss spekulieren. Die Hypothese war schon immer interessanter als nüchterne Fakten.
Auf dem Harzer Bergtheater zu Thale zählte in den 1980er Jahren Wilhelm Tell zu beliebtesten Klassiker-Inszenierungen. Und in der Tat kann man meinen, die Naturbühne sei eigens für Schillers letztes Drama geschaffen wurden, die natürliche Kulisse bietet alles was das Stück braucht. Kurz nach dem der tapfere Tell den verhassten Gessler in der hohlen Gasse mit einem Pfeil tötete endete das Stück mit der ersten Szene des allgemein ungeliebten fünften Aktes. „Sehr ihr die Feuersignale auf den Bergen?“, ruft Ruodi und die Regie hatte just auf dieses Stichwort einen besonderen Effekt vorbereitet. Schräg gegenüber im oberen Steinbachtal verborgen hinter einem Felsen, der noch heute Feuerschiff heißt, lauerte ein extra entsandter Bühnentechniker auf seinen Einsatz. Er hatte zuvor aus Reisig eine Feuerstelle errichtet und entzündete prompt ein Feuer, welches sogleich durch feuchte Blätter fast erstickt, möglichst viel Rauch entfalten sollte. Da der Techniker das Stichwort natürlich nicht hören konnte (Mobiltelefone und Funkgeräte waren ja noch nicht verfügbar) wurde im Naturtheater kurz vorher vom Tonband heftiges Glockengeläut (passend zu Gesslers Tod) eingespielt. Der Effekt verfehlte seine Wirkung nicht. Allerdings nicht ganz wunschgemäß bei der Premiere 1985. Das prächtige Rauchzeichen löste einen Großeinsatz der örtlichen Feuerwehr aus, die einen Waldbrand vermutete.
Merke: es kann so einiges schief gehen, entfacht man einen Nebel.
Bei einer Inszenierung des Lohengrin 1994 in Gera sollte der Titelheld durch die sich von Geisterhand öffnenden Burgmauern aus dem Nebel majestätisch in silbern glänzender Unifom schreiten. Für diesen Effekt erklärte sich der Chefrequisiteur höchstselbst zuständig. Der Einsatz damals noch eher laut- als nebelstarker Maschinen wurde von ihm strikt abgelehnt. Zum Einsatz kam seine eigene todsichere Methode. Diese bestand darin, einen Zinkbehälter, ähnlich einer Badewanne auf der Hinterbühne aufzustellen und diese mit der ausreichenden Menge richtig temparierten Wasser zu füllen. Über dieser Wanne befand sich eine Vorrichtung mit Kippmechanismus auf die eine gehörige Menge Kaliumpermanganat gehäufelt wurde. Dieses rieselte durch vorsichtiges Bewegen des Mechanismus in das heiße Wasser und gemäß der chemischen Reaktion, die Diffussion genannt wird, stieg ein zarter gleichmäßiger Nebel auf. Das Experiment ist nicht zur Nachahmung empfohlen, auch bekommt man heute so umfangreiche Mengen Kaliumpermanganat nicht ohne weiteres gekauft, weil es sich auch zur Erzeugung von Sprengstoffen eignet. Aber vor allem besitzt der Stoff durch seine stark oxidierende Wirkung eine ausgeprägte Reizwirkung auf lebendes Gewebe, so dass es leicht zu Verätzungen kommt. Ein Glück, dass dies dem Tenor damals unbekannt war. Dabei konnte er froh sein,

denn andere Kollegen verwendeten früher eine noch abenteuerlich anmutende Methode, bei der Nebel aus Salzsäure und Ammoniak erzeugt wurde.
Und damit sind wir bei einem der Haupthindernisse für den Einsatz von Bühnennebel. Es ist nämlich völlig gleichgültig, welche Methode, Substanz oder Technik eingesetzt wird, kaum streicht der erste Nebelschwaden über die Bühne, beginnen die Darsteller zu husten. Da hilft keine Erklärung oder gar das Herumreichen des Beipackzettels, mit dem die Unbedenklichkeit der verwendeten Substanzen ja sogar deren völlige Geruchs- und Geschmacklosigkeit bewiesen wird. Ist Nebel da, muss man husten.
Aber Nebel ist schön, er verhilft dem Licht zu besonderen Wirkungen, ja ohne Nebel kann man beispielsweise die Effekte des Laserlichtes gar nicht sehen. So ein Konflikt muss in Deutschland die Hüter der DIN-Normen und Sachwalter der Unfallversicherung auf den Plan rufen. Damit ist es vorbei, mit den ganz einfachen Lösungen, wie sie der technischer Direktor Stockhausen noch 1977 in der Bühnentechnischen Rundschau erklärte:

Quote:Nebel, Dampf oder Wolken kontinuierlich und geräuscharm zu erzeugen oder auf der Bühne in welcher Form auch immer zum Einsatz kommen zulassen, beruht beim gezeigten Beispiel auf der einfachen Tatsache, daß der in einem Nebelgerät produzierte Nebel in einem Speicher eingelassen wird. So ist es zum Beispiel möglich, das Nebelaggregat an einer versteckten Stelle im Bühnenaufbau oder in der Dekoration oder gar in der Unterbühne aufzustellen. Das Nebelaggregat besteht also aus dem eigentlichen Nebelgerät, einem lose verbundenen Speicher (z.B. einer PVC-Blase) von entsprechendem Luftvolumen und einem am Austritt montierten Gebläse. Beide Geräte werden über Schaltelemente zusammen oder einzeln ferngesteuert. Der so erzeugte Nebeleffekt ist langanhaltend und gleichmäßig; der Effekt kann durch die Wahl unterschiedlicher Nebelflüssigkeiten einerseits und durch die stufenlos regelbare Drehzahl des Gebläses andererseits beliebig verändert und in der Konsistenz bestimmt werden. Eine gelungene Nebenwirkung ist die Erscheinung von über dem Bühnenboden kriechenden Nebelschwaden, wenn das Nebelgerät in der kühleren Unterbühne aufgestellt wird.

Für die Erzeugung von Bühnen- und vor allem Bodennebel werden heute vier Verfahren genutzt: Trockeneis+Wasserbad, Stickstoff +Wasserbad, Effektnebelmaschinen mit Kühlvorsatz, MDG-ICE-FOG-Bodennebel. Die Erzeugung von Bodennebel mithilfe von Trockeneis ist sicherlich die bekannteste und noch immer am weitesten verbreitete Art. Ein mit –80 °C gefrorenem Kohlendioxid (CO2-„Trockeneis“) gefüllter Korb wird in ein Wasserbad gesenkt, das zuvor durch ein Heizelement erhitzt wurde. Der hohe Temperaturunterschied sorgt dafür, dass das Trockeneis vom festen in den gasförmigen Zustand übergeht. Der dabei ebenfalls entstehende Wasserdampf kondensiert aufgrund des kalten Kohlendioxidgases zu kleinen Tropfen. Der bei dem Vorgang entstehende hohe Druck – oft unterstützt durch einen zusätzlichen Ventilator – befördert den Nebel schließlich aus der Maschine. Leider schlägt sich der hohe Wasseranteil später auf dem Bühnenboden als rutschiger Belag nieder und sorgt für Unfallgefahr bei Schauspielern und Tänzern!
Die Deutsche gesetzliche Unfallversicherung hat seit 2014 eine Informationsschrift zum Thema Pyrotechnik herausgegeben. Zu diesem Themenbereich zählen auch alle Arten von Nebel. In der Einleitung zu diesem Thema wird gleich deutlich gemacht, worum es geht:

Quote:Unter dem Begriff „Atmosphärische Effekte” fasst man die Effekte zusammen, die Naturereignisse nachbilden. Da zur Simulation von Naturereignissen häufig Technologien eingesetzt werden, deren Gefährdungen nicht immer direkt erkennbar sind, sind auf der Grundlage einer Gefährdungsbeurteilung angemessene Schutzmaßnahmen festzulegen.

So ist es heute erforderlich, dass bei Verwendung von Nebelgeräten zur Verdampfung nur solche Geräte eingesetzt werden sollen, deren 
Konformitätserklärung die Übereinstimmung mit DIN VDE 0700-245 bestätigt. Die Empfehlungen und Vorschriften allein zu diesem Thema umfassen sechs Seiten, was zeigt, so einfach ist es heute mit dem Bühnennebel nicht, eine Gefährdungsbeurteilung unerlässlich. Ob Sätze wie dieser, wirklich wirksam sind, kann man sicherlich streiten:

Quote:Die Nebelmenge ist auf das notwendige Maß zu beschränken und mit allen Beteiligten abzustimmen. Es sind geeignete Maßnahmen zu treffen, um die Vernebelung der Bereiche, in denen dies szenisch nicht erforderlich ist, möglichst gering zu halten.

Was ist das notwendige Maß, wann wird ein atmosphärischer Effekt zu einer atmosphärischen Störung? Die Tücke des Objekts bleibt im Nebel.
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